Unterlassene Hilfeleistung bei sich selbst

Hallo Du, seit einigen Tagen geht mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf:
Unterlassene Hilfeleistung bei sich selbst.
Als ich diesen Begriff hörte, musste ich erst einmal darüber nachdenken.
Bisher hatte ich unter unterlassener Hilfeleistung immer verstanden, dass ein Mensch Hilfe braucht und niemand eingreift oder das jemand in Not gerät und andere wegsehen.
Doch plötzlich bekam dieser Begriff für mich eine ganz neue Bedeutung.
Ich begann darüber nachzudenken, wie oft wir uns selbst die Hilfe verweigern, die wir eigentlich benötigen und während ich diesen Gedanken bewegte, begann ich, mein eigenes Leben zu betrachten.
Eigentlich weiß ich sehr genau, dass bestimmte Dinge meinem Körper guttun und andere nicht.
Ich weiß, dass ausreichend Schlaf wichtig ist und mir ist bewusst, dass Ruhephasen notwendig sind.
Natürlich weiß ich auch, dass Zucker, Weizen oder andere Lebensmittel meinen Körper belasten können und trotzdem feiere ich manchmal Schokoladen-Partys.
Und das nicht, weil ich es nicht besser wüsste, sondern weil Wissen und Handeln offenbar nicht immer dieselbe Sprache sprechen.
Während ich darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass dieses Thema viel größer ist als Ernährung.
Wie viele Menschen stehen jeden Morgen auf und fahren zu einer Arbeit, die sie seit Jahren unglücklich macht?
Wie viele verbringen ihre Zeit mit Menschen, nach deren Besuch sie sich ausgelaugt und erschöpft fühlen?
Wie viele nehmen Beschwerden in Kauf, obwohl ihr Körper schon lange versucht, auf sich aufmerksam zu machen?
Wir erkennen bei anderen oft sehr schnell, was ihnen helfen würde. Wir wünschen ihnen Ruhe, Erholung, Unterstützung oder eine Veränderung ihrer Situation.
Bei uns selbst fällt uns das häufig schwerer. Ich kenne das von mir nur zu gut.
Es gibt Situationen, in denen ich ganz genau weiß, was mir guttun würde, und trotzdem entscheide ich mich anders. Keinesfalls aus Unwissenheit, sondern weil alte Gewohnheiten bequem sind, weil Verpflichtungen rufen oder weil der nächste Schritt gerade nicht so einfach erscheint.
Nach meiner Hirntumor-Operation habe ich gelernt, wie kostbar Gesundheit sein kann. Ich habe erlebt, wie viel Kraft es kostet, langsam in Minischritten wieder zurück ins Leben zu finden.
Deshalb frage ich mich heute, warum wir oft so lange warten, bis wir uns selbst ernst nehmen!?!?
Weshalb wir die eigenen Bedürfnisse so häufig hinter alles andere stellen. Unser Körper macht uns oft schon früh darauf aufmerksam, dass etwas nicht stimmt.
Dennoch schenken wir diesen Hinweisen selten die gleiche Aufmerksamkeit, die wir einem geliebten Menschen schenken würden.
Mit anderen gehen wir fürsorglich um, uns selbst muten wir häufig deutlich mehr zu.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass unterlassene Hilfeleistung bei sich selbst nicht erst bei den großen Dingen beginnt.
Wenn ich ehrlich bin, begegnet mir dieses Thema an vielen Stellen des Lebens. Immer dann, wenn ich meine eigenen Bedürfnisse hinten anstelle, ich Warnsignale überhöre oder wenn ich Dinge länger mit mir herumtrage, obwohl ich längst weiß, dass sie mir nicht guttun.
Rückblickend sind es oft nicht die großen Ereignisse, die uns aus dem Gleichgewicht bringen, sondern die Summe vieler kleiner Momente, in denen wir uns selbst übergehen.
Seit ich diesen Gedanken gehört habe, begleitet mich eine Frage:
"Wo gehe ich noch an mir selbst vorbei?"
Ich kenne die Antwort darauf nicht immer sofort.
Doch allein diese Frage hat meinen Blick verändert.
Sie lenkt meine Aufmerksamkeit weg von dem, was andere tun oder lassen, und zurück zu mir selbst.
Dorthin, wo jede Veränderung ihren Anfang nimmt.
Seit ich diesen Gedanken gehört habe, ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich meinen Alltag betrachte. Beim Griff zur Schokolade, bei Aufgaben, die ich längst hätte abgeben können und auch bei Menschen, denen ich mehr Energie schenke als mir selbst.
Jedes Mal taucht nun dieselbe Frage auf:
"Ist das eigentlich auch eine Form von unterlassener Hilfeleistung bei mir selbst?"

