Was Anschreien im Nervensystem eines Kindes wirklich hinterlässt von Ingo Schröder

Vor einiger Zeit bin ich wieder auf das bekannte Wasserexperiment von Dr. Masaru Emoto gestoßen. Ich habe es schon vor Jahren kennengelernt, kennst Du es auch?
Er stellte zwei Gläser Wasser nebeneinander und behandelte sie über einen längeren Zeitraum völlig unterschiedlich. Dem einen sprach er täglich liebevolle Worte zu, Worte des Dankes, der Wertschätzung und Anerkennung. Das andere Glas wurde mit harten, verletzenden und ablehnenden Worten konfrontiert.
Als das Wasser später eingefroren wurde, zeigten sich in seinen Aufnahmen sehr unterschiedliche Strukturen. Das liebevoll behandelte Wasser bildete klare, geordnete Kristalle, fast wie kleine Kunstwerke. Das andere wirkte brüchig, unruhig und ohne erkennbare Harmonie.
Ob dieses Experiment wissenschaftlich standhält, ist bis heute umstritten. Doch die eigentliche Kraft liegt für mich nicht im Beweis, sondern in der Frage, die daraus entsteht.
Der menschliche Körper besteht zu einem sehr großen Teil aus Wasser.
Bei Erwachsenen sprechen wir von etwa 70 bis 80 Prozent, bei Kindern liegt dieser Anteil sogar noch höher.
Wenn Wasser auf Worte, Schwingung und Information reagieren kann, was bedeutet das dann für einen Menschen?
Was bedeutet es für ein Kind, dessen gesamtes System noch im Wachstum und in der Entwicklung ist?
In meiner Arbeit mit Eltern und Kindern beschäftigt mich diese Frage immer wieder.
Kinder sind unglaublich fein in ihrer Wahrnehmung.
Sie hören nicht nur Worte, sie nehmen den Klang dahinter auf, die Spannung im Raum, die Energie, die zwischen zwei Menschen steht.
Oft spüren sie lange vor den Erwachsenen, wenn etwas kippt.
Ein Kind lebt von Sicherheit, Orientierung und von dem Gefühl, gehalten und geschützt zu sein.
Seine Bezugspersonen sind der Ort, an dem es sich reguliert, an dem es Ruhe findet und Vertrauen aufbaut.
Wenn genau an diesem Ort Lautstärke entsteht, wenn ein Kind angeschrien wird oder regelmäßig mit Härte und emotionalem Druck konfrontiert ist, passiert im Inneren weit mehr, als wir oft glauben.
Das Nervensystem geht in Alarm.
Der Körper schüttet Stresshormone aus, der Herzschlag beschleunigt sich, die Atmung verändert sich und die Muskulatur spannt sich an. Für Erwachsene ist ein lauter Moment oft schnell wieder vorbei.
Für ein Kind kann dieser Moment tief in seinem System gespeichert werden und hier schließt sich für mich der Kreis zum Wasser.
Denn genauso wie Emoto davon sprach, dass Worte Strukturen im Wasser verändern können, formen Worte auch innere Strukturen im Menschen. Diese sind nicht sichtbar für das Auge, aber spürbar im Erleben.
Wird ein Kind immer wieder angeschrien, hinterlässt diese Schwingung Spuren.
Das Nervensystem lernt, wachsam zu bleiben. Es entwickelt feine Antennen für Spannungen, für Stimmungswechsel, für mögliche Gefahr. Viele Kinder, die später als hochsensibel beschrieben werden, tragen genau diese frühen Erfahrungen oft noch in sich.
Was einmal Schutz war, bleibt häufig als Muster bestehen.
Als innere Unruhe, als Überforderung und ständiges Scannen des Umfeldes. Aus Angst Fehler zu machen oder nicht zu genügen.
In meinen Eltern- und Kindercoachings schaue ich deshalb nie nur auf das Verhalten. Mich interessiert immer, was darunter liegt. Ein Kind, das laut wird, trägt oft selbst einen inneren Lärm in sich und ein Kind, das sich zurückzieht, schützt oft etwas sehr Verletzliches.
Auch Eltern tragen ihre eigenen gespeicherten Muster.
Gerade durch meinen beruflichen Hintergrund in der IT begleitet mich dazu oft ein sehr klares Bild.
Unser Nervensystem ist in vielem wie eine Festplatte. Erfahrungen werden gespeichert. Gefühle, Spannungen und Reaktionsmuster schreiben sich tief ein und laufen oft unbemerkt im Hintergrund weiter.
Doch das Entscheidende ist! Eine Festplatte kann überschrieben werden.
Nicht etwa, indem wir alte Erfahrungen ausradieren, sondern indem wir neue Erfahrungen hinzufügen, die stärker werden als die alten.
Das ist eine wichtige Botschaft für Eltern.
Denn natürlich gibt es Momente von Überforderung. Tage, an denen der Stress größer ist als die eigene Kraft. Momente, an denen man laut wird, obwohl man es nicht wollte. Das macht niemanden zu schlechten Eltern.
Entscheidend ist nicht, dass nie Fehler passieren.
Ausschlaggebend ist, was danach geschieht.
Wenn eine Mutter oder ein Vater später zu ihrem Kind geht und ehrlich sagt: "Es tut mir leid, dass ich so laut geworden bin. Ich war überfordert und das war nicht Deine Schuld.", dann geschieht etwas sehr Wertvolles.
Das Kind erlebt, dass Verbindung wiederhergestellt werden kann. Es lernt, dass Konflikte nicht das Ende von Liebe bedeuten. Das Verletzung gesehen und benannt werden darf und diese Erfahrung beginnt, alte innere Muster zu verändern.
Liebevolle Worte können tiefe Veränderungsprozesse anstoßen.
Echte Entschuldigungen können Verbindung wiederherstellen.
Verständnis kann helfen, innere Verletzungen neu einzuordnen.
Hier erlebe ich auch die Kraft von Frequenzen und bin immer wieder neu begeistert.
Frequenzen können das Nervensystem auf einer Ebene erreichen, die oft tiefer liegt als Worte.
Dort, wo der Körper längst gespeichert hat, was der Verstand vielleicht gar nicht mehr erinnern kann. Sie können helfen, innere Anspannung zu lösen, Regulation zu fördern und dem System neue Erfahrungen von Ruhe und Sicherheit zu ermöglichen.
Für mich ist das eine wertvolle Ergänzung in der Begleitung von Familien.
Denn wenn Worte und Schwingung verletzen können, dann können Worte und Schwingung auch heilen.
Vielleicht ist das die hoffnungsvollste Erkenntnis von allem.
Wir sind nicht dazu bestimmt, in den Strukturen unserer Verletzungen stehen zu bleiben. Unser inneres System kann lernen und es kann sich verändern.
Manchmal beginnt dieser Weg mit etwas ganz Einfachem, einem liebevollen Wort, einer ehrlichen Entschuldigung oder dem tiefen Gefühl, endlich wieder sicher zu sein.


